Schät­zung durch das Finanz­ge­richt – und die inter­nen Daten­ban­ken der Finanz­ver­wal­tung

Der Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs wird ver­letzt, wenn das Finanz­ge­richt in Aus­übung eige­ner Schät­zungs­be­fug­nis für die Beur­tei­lung der Höhe des Roh­ge­winn­auf­schlag­sat­zes auf eine nicht all­ge­mein zugäng­li­che ‑nur für den Dienst­ge­brauch bestimm­te- Quel­le aus dem juris-Recht­s­por­tal („Fach­in­fo­sys­tem Bp NRW“) zurück­greift, ohne zuvor die hier­aus ent­nom­me­nen Erkennt­nis­se dem Klä­ger inhalt­lich in der gebo­te­nen Wei­se zugäng­lich gemacht zu haben.

Schät­zung durch das Finanz­ge­richt – und die inter­nen Daten­ban­ken der Finanz­ver­wal­tung

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör gemäß § 96 Abs. 2 FGO umfasst das Recht der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, sich vor Erlass einer Ent­schei­dung zu den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen und ‑gege­be­nen­falls- Beweis­ergeb­nis­sen zu äußern, sowie in recht­li­cher Hin­sicht alles vor­zu­tra­gen, was sie für wesent­lich hal­ten [1]. Zur Wah­rung die­ses Äuße­rungs­rechts ist das Gericht ‑letzt­lich vor­ge­la­gert- ver­pflich­tet, die Betei­lig­ten über alle ihm zugäng­lich gemach­ten und für sei­ne Ent­schei­dung zur Ver­fü­gung ste­hen­den Tat­sa­chen und Beweis­ergeb­nis­se unein­ge­schränkt zu infor­mie­ren [2]. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob eine anschlie­ßen­de Äuße­rung der oder des Betei­lig­ten im kon­kre­ten Fall Ein­fluss auf das Ent­schei­dungs­er­geb­nis gewin­nen kann oder nicht [3].

Die­sen Anfor­de­run­gen ist die Vor­ge­hens­wei­se des Finanz­ge­richts im vor­lie­gen­den Fall nicht gerecht gewor­den. Es hat den für zutref­fend erach­te­ten Roh­ge­winn­auf­schlag­satz von 300 %, der über den in den amt­li­chen Richt­sät­zen des BMF für gas­tro­no­mi­sche Betrie­be aus­ge­wie­se­nen Mit­tel­wert von 257 % liegt, in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se mit den Erkennt­nis­sen aus der „spe­zi­el­len Richt­satz­samm­lung“ für Dis­ko­the­ken begrün­det. So hat es ins­be­son­de­re den Ansatz eines sich im obe­ren Bereich der „all­ge­mei­nen Richt­satz­samm­lung“ lie­gen­den Werts des­halb für gerecht­fer­tigt gehal­ten, da sich die­ser wie­der­um an der unte­ren Spann­brei­te der Dis­ko­the­ken-Richt­satz­samm­lung (280 % bis 600 %) beweg­te. Über die für die Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Inhal­te der Abhand­lung aus dem „Fach­in­fo­sys­tem Bp NRW“ hat das Finanz­ge­richt den Klä­ger ‑so des­sen Rüge und auch die Lage der Akten- vor­her nicht in der gebo­te­nen Wei­se in Kennt­nis gesetzt, obwohl dem Finanz­ge­richt aus­weis­lich der Urteils­grün­de („juris-nfD“) offen­sicht­lich bekannt war, dass weder der Klä­ger noch des­sen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te in der Lage waren, auf ande­re Wei­se Zugang zu dem Doku­ment zu erhal­ten. Hier­durch blieb es dem Klä­ger ver­wehrt, zu den für die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt maß­geb­li­chen Inhal­ten der Abhand­lung Stel­lung zu bezie­hen.

Der Bun­des­fi­nanz­hof stellt hier­mit kei­nes­falls die Befug­nis der Finanz­ver­wal­tung in Abre­de, für Schät­zungs­zwe­cke Daten­ban­ken auf­zu­bau­en und zu ver­wen­den, die ‑anders als die BMF-Richt­satz­samm­lung- nicht all­ge­mein zugäng­lich sind [4]. Beab­sich­tigt aber das Finanz­ge­richt, sei­ne Ent­schei­dung ‑in tra­gen­der Wei­se- auf Erkennt­nis­se aus einer sol­chen Quel­le zu stüt­zen, gebie­tet es die Wah­rung des recht­li­chen Gehörsan­spruchs und eben­so der pro­zes­sua­len Waf­fen­gleich­heit, den­je­ni­gen Betei­lig­ten, der sich gezwun­ge­ner­ma­ßen inso­weit in einem Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit befin­det, in der recht­lich gebo­te­nen Wei­se in den glei­chen Kennt­nis­stand wie den Pro­zess­geg­ner zu ver­set­zen [5].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. Mai 2020 – X B 12/​20

  1. u.a. BFH, Beschluss vom 15.05.2019 – IX B 105/​18, BFH/​NV 2019, 922, Rz 7, m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.08.2014 – 2 BvR 969/​14, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift ‑NJW- 2014, 3085, Rz 49; eben­so BFH, Beschluss vom 08.05.2017 – X B 150/​16, BFH/​NV 2017, 1185, Rz 15; Werth in Gosch, § 119 FGO Rz 127[]
  3. BVerfG, Beschluss in NJW 2014, 3085, Rz 49[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 17.10.2001 – I R 103/​00, BFHE 197, 68, BStBl II 2004, 171, unter III.A.2.c cc; vgl. auch Koenig/​Coester, Abga­ben­ord­nung, 3. Aufl., § 162 Rz 109[]
  5. vgl. auch BVerwG, Urteil vom 20.03.1985 – 6 C 22/​83, Buch­holz 310 § 108 VwGO Nr. 163[]