Rechts­kräf­ti­ge finanz­ge­richt­li­che Urtei­le – und ihre Bindungswirkung

Gemäß § 110 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 FGO bin­den rechts­kräf­ti­ge Urtei­le die Betei­lig­ten und ihre Rechts­nach­fol­ger, soweit über den Streit­ge­gen­stand ent­schie­den wor­den ist. 

Rechts­kräf­ti­ge finanz­ge­richt­li­che Urtei­le – und ihre Bindungswirkung

Für den Umfang der Bin­dungs­wir­kung eines rechts­kräf­ti­gen Urteils ist der Begriff des Streit­ge­gen­stands in § 110 Abs. 1 Satz 1 FGO im Sin­ne von „Ent­schei­dungs­ge­gen­stand“ zu ver­ste­hen. Die­ser umfasst die Teil­men­ge aller mit dem ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt erfass­ten Besteue­rungs­grund­la­gen, über die das Gericht ent­schie­den hat. 

Der sach­li­che Umfang der Bin­dungs­wir­kung ergibt sich in ers­ter Linie aus der Urteils­for­mel, die Begrün­dung eines Urteils als sol­che bzw. die Urteils­ele­men­te sind nicht rechts­kraft­fä­hig [1]. Der Ent­schei­dungs­ge­gen­stand eines rechts­kräf­ti­gen Urteils, das zu einem bestimm­ten Sach­ver­halt in einem Ver­an­la­gungs­zeit­raum ergan­gen ist, ist in zeit­li­cher Hin­sicht auf den jewei­li­gen Ver­an­la­gungs­zeit­raum begrenzt [2].

Danach ent­fal­te­te in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall das Urteil des Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf [3] für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2012 kei­ne Bin­dungs­wir­kung für die Fra­ge, ob in den Ren­ten­zah­lun­gen an die Klä­ger im Streit­jahr 2013 steu­er­pflich­ti­ge Zins­an­tei­le ent­hal­ten sind.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat in sei­nem Urteil über eine Anfech­tungs­kla­ge gegen den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid für 2012 ent­schie­den und die Besteue­rung von Zins­ein­künf­ten der Klä­ger gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG auf­grund des Ren­ten­be­zugs als rechts­wid­rig beur­teilt. Das Urteil des Finanz­ge­richt hat i.S. des § 110 Abs. 1 FGO hin­sicht­lich die­ser Besteue­rungs­grund­la­ge nur für die­sen Ver­an­la­gungs­zeit­raum Bin­dungs­wir­kung. Die der Beur­tei­lung zugrun­de lie­gen­de recht­li­che Wür­di­gung des Finanz­ge­richts, der Ver­trag vom 18.01.2012 habe zu einer ins­ge­samt nicht ein­kom­men­steu­er­ba­ren Über­tra­gung des Grund­stücks geführt, hat für die Beur­tei­lung der Zah­lun­gen an die Klä­ger im Streit­jahr danach kei­ne Bin­dungs­wir­kung [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Juli 2020 – VIII R 3/​17

Rechtskräftige finanzgerichtliche Urteile - und ihre Bindungswirkung
  1. vgl. BFH, Urteil vom 27.09.2016 – VIII R 16/​14, BFH/​NV 2017, 595, Rz 31[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 12.01.2012 – IV R 3/​11, BFH/​NV 2012, 779, Rz 24[]
  3. FG Düs­sel­dorf, EFG 2015, 127[]
  4. vgl. auch BFH, Urteil vom 26.11.1997 – X R 114/​94, BFHE 184, 554, BStBl II 1998, 190[]