Pfle­ge-Pausch­be­trag für den amt­lich bestell­ten Betreu­er?

Die dem amt­lich bestell­ten Betreu­er gewähr­te Auf­wands­ent­schä­di­gung ist kei­ne Ein­nah­me für die Pfle­ge der betreu­ten Per­son i.S. des § 33b Abs. 6 Satz 1 EStG. Dem amt­lich bestell­ten Betreu­er ist der Pfle­ge-Pausch­be­trag nur auf­grund des Betreu­ungs­ver­hält­nis­ses ohne eine dar­über hin­aus­ge­hen­de enge per­sön­li­che Bezie­hung zum Betreu­ten nicht zu gewäh­ren, da dem Betreu­er aus dem Betreu­ungs­ver­hält­nis die Pfle­ge des Betreu­ten nicht zwangs­läu­fig i.S. des § 33 Abs. 2 EStG erwächst.

Pfle­ge-Pausch­be­trag für den amt­lich bestell­ten Betreu­er?

Ein Steu­er­pflich­ti­ger kann nach § 33b Abs. 6 EStG wegen der außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen, die ihm durch die Pfle­ge einer nicht nur vor­über­ge­hend hilf­lo­sen Per­son erwach­sen, anstel­le einer Steu­er­ermä­ßi­gung nach § 33 EStG einen Pfle­ge-Pausch­be­trag in Höhe von 924 EUR im Kalen­der­jahr gel­tend machen, wenn er dafür kei­ne Ein­nah­men erhält. Hilf­los im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist eine Per­son, wenn sie für eine Rei­he von häu­fig wie­der­keh­ren­den Ver­rich­tun­gen zur Siche­rung ihrer per­sön­li­chen Exis­tenz im Ablauf eines jeden Tages frem­der Hil­fe dau­ernd bedarf (§ 33b Abs. 6 Satz 3 EStG). Wei­te­re Vor­aus­set­zung für die Gewäh­rung des Pausch­be­trags ist, dass der Steu­er­pflich­ti­ge die Pfle­ge ent­we­der in sei­ner Woh­nung oder in der Woh­nung des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen per­sön­lich durch­führt (§ 33b Abs. 6 Satz 5 EStG).

Ein­nah­men i.S. des § 33b Abs. 6 Satz 1 EStG sind grund­sätz­lich sämt­li­che der Pfle­ge­per­son im Zusam­men­hang mit der Pfle­ge zuflie­ßen­den Ein­nah­men, sei es als Pfle­ge­ver­gü­tung, sei es als Ersatz für eige­ne Auf­wen­dun­gen der Pfle­ge­per­son. Die dem Klä­ger gewähr­te Auf­wands­ent­schä­di­gung gemäß § 1835a des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches (BGB) ist kei­ne Ein­nah­me i.S. der Norm, da sie nicht für die Pfle­ge, son­dern für die Betreu­ung i.S. der §§ 1896 ff. BGB geleis­tet wur­de.

Der durch das Steu­er­re­form­ge­setz 1990 (StRG) vom 25.07.1988 (BGBl I 1988, 1093) ein­ge­füg­te § 33b Abs. 6 EStG ver­folgt den Zweck, die häus­li­che Pfle­ge zu stär­ken und die viel­fäl­ti­gen Belas­tun­gen, wel­che die per­sön­li­che Pfle­ge eines Schwer­pfle­ge­be­dürf­ti­gen mit sich bringt, in ange­mes­se­nem Rah­men steu­er­lich anzu­er­ken­nen. Durch die pau­scha­le Aner­ken­nung soll­te im Hin­blick auf die mensch­li­che Belas­tung, wel­che die Pfle­ge­per­son auf sich nimmt, auf Auf­zeich­nun­gen und Bele­ge ver­zich­tet wer­den (vgl. Begrün­dung des StRG 1990, BTDrucks 11/​2157, S. 151 f.; Kanz­ler, Finanz-Rund­schau –FR– 1992, 669, 671; Urtei­le des Bun­des­fi­nanz­hofs –BFH– vom 29.08.1996 – III R 4/​95, BFHE 181, 441, BStBl II 1997, 199; vom 21.03.2002 – III R 42/​00, BFHE 198, 526, BStBl II 2002, 417; Hufeld in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 33b Rz E 2; Blümich/​Heger, § 33b EStG Rz 4). Das Jah­res­steu­er­ge­setz 1996 vom 11.10.1995 (BGBl I 1995, 1250) änder­te § 33b Abs. 6 Satz 1 EStG mit Ein­fü­gung des letz­ten Halb­sat­zes dahin­ge­hend, dass der Steu­er­pflich­ti­ge „dafür kei­ne Ein­nah­men erhal­ten“ darf. Nach der Geset­zes­be­grün­dung (BTDrucks 13/​1558, S. 157) soll der Pausch­be­trag Auf­wen­dun­gen abgel­ten, die bei Nach­weis auch nach § 33 Abs. 1 EStG gel­tend gemacht wer­den könn­ten. Soweit die Pfle­ge­per­son für die Pfle­ge­leis­tung und die damit ver­bun­de­nen Auf­wen­dun­gen Ein­nah­men erhal­te, ver­blei­be kei­ne Belas­tung, wes­halb sie in die­sem Fall den Pausch­be­trag nicht anset­zen kön­ne. Aller­dings kön­ne sie dann die über die Ein­nah­men hin­aus­ge­hen­den Auf­wen­dun­gen nach § 33 EStG gel­tend machen. Inso­weit soll mit­hin eine Vor­teils­an­rech­nung statt­fin­den (BFH-Urteil in BFHE 198, 526, BStBl II 2002, 417; Kanz­ler, FR 1996, 189, 191).
15

bb) „Pfle­ge“ besteht in der Hil­fe­leis­tung bei Ver­rich­tun­gen des täg­li­chen Lebens, bei denen der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge der Hil­fe bedarf (vgl. die für das Streit­jahr anzu­wen­den­de Fas­sung des § 14 Abs. 1 und 3 des Elf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch –SGB XI– vom 26.05.1994, BGBl I 1994, 1014). Ver­rich­tun­gen in die­sem Sin­ne sind nach § 14 Abs. 4 SGB XI sol­che im Bereich der Kör­per­pfle­ge (Waschen, Duschen, Baden, Zahn­pfle­ge, Käm­men, Rasie­ren, Darm- oder Bla­sen­ent­lee­rung), im Bereich der Ernäh­rung (mund­ge­rech­tes Zube­rei­ten, Auf­nah­me der Nah­rung), der Mobi­li­tät (selb­stän­di­ges Auf­ste­hen und Zu-Bett-Gehen, An- und Aus­klei­den, Gehen, Ste­hen, Trep­pen­stei­gen, Ver­las­sen und Wie­der­auf­su­chen der Woh­nung) und der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung (Ein­kau­fen, Kochen, Rei­ni­gen der Woh­nung, Spü­len, Wech­seln und Waschen der Wäsche und Klei­dung, Behei­zen).
16

cc) „Betreu­ung“ i.S. der §§ 1896 ff. BGB ist nicht tat­säch­li­che Hil­fe, son­dern Bei­stand in Form von Rechts­für­sor­ge (vgl. § 1902 BGB). Maß­nah­men, die die­se vom Gesetz zuge­wie­se­ne recht­li­che Inter­es­sen­wahr­neh­mung über­schrei­ten, gehö­ren nicht zum Auf­ga­ben­kreis eines Betreu­ers. Die­ser hat im Rah­men der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben­krei­se (vgl. § 1897 Abs. 1 BGB) tat­säch­li­che Hil­fen ledig­lich zu orga­ni­sie­ren. Der Bereich der Gesund­heits­sor­ge umfasst danach bei­spiels­wei­se die Ein­lei­tung ärzt­li­cher Maß­nah­men und die Ertei­lung von Zustim­mun­gen, nicht jedoch die tat­säch­li­che Durch­füh­rung von pfle­ge­ri­schen Maß­nah­men, son­dern allen­falls deren Orga­ni­sa­ti­on (Palandt/​Götz, Bür­ger­li­ches Gesetz­buch, 78. Aufl., § 1896 Rz 18, 20). Inso­weit gilt der Grund­satz der Unent­gelt­lich­keit (Palandt/​Götz, a.a.O., § 1835 Rz 1). Der ehren­amt­li­che Betreu­er kann jedoch ent­we­der Auf­wen­dungs­er­satz i.S. des § 1835 BGB oder alter­na­tiv –wie im Streit­fall– eine pau­scha­le Auf­wands­ent­schä­di­gung nach § 1835a BGB ver­lan­gen (§ 1908i Abs. 1 BGB).
17

dd) Hier­aus ergibt sich, dass der Klä­ger die pau­scha­le Auf­wands­ent­schä­di­gung nicht als Ein­nah­me für die Pfle­ge des H bezo­gen hat. Ein­nah­men i.S. des § 33b Abs. 6 Satz 1 EStG sind (nur) sol­che Ein­nah­men, die der Pfle­ge­per­son im Zusam­men­hang mit der Pfle­ge zuflie­ßen, sei es als Pfle­ge­ver­gü­tung, sei es als Ersatz für eige­ne Auf­wen­dun­gen der Pfle­ge­per­son (BFH-Urteil in BFHE 198, 526, BStBl II 2002, 417). Um sol­che Ein­nah­men han­del­te es sich bei der Auf­wands­ent­schä­di­gung gemäß § 1835a BGB in Höhe von 399 EUR, die der Klä­ger für die Betreu­ung des H erhal­ten hat, ent­ge­gen der Ansicht des FG jedoch nicht. Viel­mehr unter­schei­det sich –wie oben dar­ge­legt– die Betreu­ung gemäß §§ 1896 ff. BGB grund­le­gend von der Pfle­ge i.S. des § 33b Abs. 6 EStG. Der Klä­ger hat daher kei­ne Ein­nah­men für die Pfle­ge erhal­ten, durch die die Gel­tend­ma­chung des Pfle­ge-Pausch­be­trags aus­ge­schlos­sen wäre.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs setzt auch die Gewäh­rung des Pfle­ge-Pausch­be­trags nach § 33b Abs. 6 EStG eine Zwangs­läu­fig­keit vor­aus (BFH-Urteil in BFHE 181, 441, BStBl II 1997, 199). Eine Zwangs­läu­fig­keit aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den ist gege­ben, wenn die­se Grün­de von außen so auf die Ent­schei­dung des Steu­er­pflich­ti­gen ein­wir­ken, dass er ihnen nicht aus­wei­chen kann.

Der Klä­ger war zunächst weder aus recht­li­chen noch aus tat­säch­li­chen Grün­den ver­pflich­tet, die pfle­ge­ri­schen Maß­nah­men gegen­über H zu erbrin­gen. Ins­be­son­de­re ergibt sich eine recht­li­che Ver­pflich­tung des Klä­gers nicht aus sei­ner Stel­lung als Betreu­er des H. Wie oben bereits aus­ge­führt, ist Betreu­ung nicht tat­säch­li­che Hil­fe, son­dern Bei­stand in Form von Rechts­für­sor­ge. Zwar hat der Betreu­er den Betreu­ten im Rah­men des ihm recht­lich über­tra­ge­nen Auf­ga­ben­krei­ses in dem hier­für erfor­der­li­chen Umfang auch per­sön­lich zu betreu­en (§ 1897 Abs. 1 BGB). Betreu­ung und Pfle­ge unter­schei­den sich jedoch grund­le­gend. Eine Ver­pflich­tung des Klä­gers als Betreu­er, mit H Bewe­gungs­übun­gen am Bett und im Roll­stuhl zu unter­neh­men, Lesen zu üben oder ihn mit A zusam­men­zu­füh­ren, bestand dem­nach nicht.
21

Der Klä­ger war im hier ent­schie­de­nen Fall auch aus sitt­li­chen Grün­den nicht zur Erbrin­gung der Pfle­ge­leis­tun­gen ver­pflich­tet. Im Anwen­dungs­be­reich des § 33b Abs. 6 EStG stellt der Bun­des­fi­nanz­hof zwar gerin­ge­re Anfor­de­run­gen an eine sitt­li­che Ver­pflich­tung als bei § 33 Abs. 2 EStG. Für die Gewäh­rung des Pfle­ge-Pausch­be­trags gemäß § 33b Abs. 6 EStG erkennt er eine sitt­li­che Ver­pflich­tung zur Pfle­ge bereits unter der Vor­aus­set­zung an, dass eine enge per­sön­li­che Bezie­hung zwi­schen dem Steu­er­pflich­ti­gen und der gepfleg­ten Per­son besteht (BFH-Urteil in BFHE 181, 441, BStBl II 1997, 199). Dem vom Finanz­ge­richt bin­dend fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt ist jedoch nicht zu ent­neh­men, dass im Streit­jahr enge per­sön­li­che Bezie­hun­gen zwi­schen dem Klä­ger und dem Betreu­ten bestan­den. Der Klä­ger hat für eine enge per­sön­li­che Bezie­hung zu Betreu­ten auch selbst nichts vor­ge­tra­gen.

Da der Pfle­ge-Pausch­be­trag danach bereits man­gels Zwangs­läu­fig­keit nicht gewährt wer­den kann, kann im Streit­fall offen­blei­ben, ob grund­sätz­lich ein bestimm­ter Umfang an Pfle­ge­leis­tun­gen erfor­der­lich ist. Dahin­ste­hen kann auch, ob im Fal­le einer Heim­un­ter­brin­gung über­haupt ein Pfle­ge-Pausch­be­trag i.S. des § 33b Abs. 6 EStG gel­tend gemacht wer­den kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. Sep­tem­ber 2019 – VI R 52/​17