Kindergeld und eine Verletztenrente

Werden die zur Beseitigung oder Linderung von Unfallfolgen entstandenen Aufwendungen nicht im Einzelnen nachgewiesen, kann die infolge des Unfalls von der gesetzlichen Unfallversicherung gezahlte Verletztenrente (§ 56 SGB VII) aus Vereinfachungsgründen um den dem Kind zustehenden Behinderten-Pauschbetrag gemindert werden. Nur der verbleibende Teil der Rente ist zur Bestreitung des Unterhalts im Sinne des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG bestimmt oder geeignet[1].

Kindergeld und eine Verletztenrente

Für ein über 18 Jahre altes Kind, das das 27. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, besteht nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2, § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG Anspruch auf Kindergeld u.a. dann, wenn das Kind für einen Beruf ausgebildet wird (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG) und seine zur Bestreitung des Unterhalts oder der Berufsausbildung bestimmten oder geeigneten Einkünfte und Bezüge den für den Streitzeitraum maßgeblichen Jahresgrenzbetrag von 7.680 € im Kalenderjahr nicht übersteigen.

Hierbei darf jedoch nach Ansicht des Bundesfinanzhofs die von der Unfallkasse als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung an das behinderte Kind gezahlte Verletztenrente (§ 56 SGB VII) nicht in vollem Umfang bei der Jahresgrenzbetragsberechnung nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG berücksichtigt werden.

Die nach § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG steuerfreie sog. Verletztenrente aus der gesetzlichen Unfallversicherung gehört zwar zunächst in vollem Umfang zu den Bezügen[2]. Sie ist jedoch nur insoweit zur Bestreitung des Unterhalts bestimmt oder geeignet, als sie die Aufwendungen für therapeutische Maßnahmen übersteigt, die dem Betroffenen als Folge des Unfalls entstanden sind[3].

Die Verletztenrente soll den Mehrbedarf durch die bleibenden Verletzungen aufgrund des Unfalls und den Einnahmenverlust aufgrund der geminderten Erwerbsfähigkeit ausgleichen. Entstehen dem Kind Kosten für Maßnahmen zur Behebung von körperlichen oder psychischen Schäden aufgrund eines Unfalls, für die nach den Regelungen der gesetzlichen Unfallversicherung keine Erstattung vorgesehen ist, steht die Verletztenrente dem Kind insoweit nicht für den Unterhalt zur Verfügung. Da die Verletztenrente auch gezahlt wird, um den aufgrund des Unfalls entstehenden Mehrbedarf auszugleichen, ist sie nur zum Unterhalt und zur Berufsausbildung bestimmt oder geeignet, soweit die Rentenzahlungen die Kosten übersteigen, die zum Ausgleich der Mehraufwendungen und zur Wiederherstellung der durch den Unfall verursachten gesundheitlichen Schäden angefallen sind[4].

Werden die Kosten für Maßnahmen zur Behebung der aufgrund des Unfalls erlittenen Schäden nicht im Einzelnen nachgewiesen, so kann auch hier der dem Kind zustehende BehindertenPauschbetrag nach § 33b Abs. 1 bis 3 EStG als Anhalt für den unfallbedingten Mehrbedarf dienen.

Behindert ist ein Mensch, wenn seine körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher seine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist (§ 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX). Dies ist auch der Fall, wenn jemand wie vorliegend T- als Folge eines Arbeitsunfalls in seiner Erwerbsfähigkeit gemindert ist und deshalb seit Jahren eine Verletztenrente i.S. des § 56 SGB – VII bezieht. Die Feststellung des Grades der MdE gilt insoweit zugleich als Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) (§ 69 Abs. 2 SGB IX).

Ab einem GdB von 25 werden auch sog. Leicht- oder Minderbehinderte im Rahmen des § 33b EStG berücksichtigt, wenn ihnen wegen der Behinderung ein Rentenanspruch zusteht (§ 33b Abs. 2 Nr. 2 Buchst. a EStG). Die Vorschrift schränkt den pauschalierten Ansatz typischer Aufwendungen des Behinderten auf diejenigen Fälle ein, in denen gesetzliche Leistungen aus der Beschädigtenversorgung gezahlt werden. Ein Aufwand wird typisierend nur unterstellt, wenn die gesetzliche Leistungspflicht der öffentlichen Hand an eine bestimmte grundsätzliche Schädigung des Versorgungsberechtigten anknüpft und auf dem Gesetz über die Versorgung der Opfer des Krieges (Bundesversorgungsgesetz) oder entsprechenden Vorschriften – wie z.B. §§ 56 ff. SGB VII – beruht[5].

Im Hinblick auf die unterschiedlichen Funktionen der Verletztenrente (Ausgleich des Mehrbedarfs durch die bleibenden Verletzungen aufgrund des Unfalls auf der einen Seite, Ausgleich des Einnahmenverlustes aufgrund der geminderten Erwerbsfähigkeit auf der anderen Seite) begegnet es deshalb keinen Bedenken, die Rentenzahlungen bei fehlendem Einzelnachweis des unfallbedingten Mehraufwands aus Vereinfachungsgründen um den maßgeblichen Behinderten-Pauschbetrag zu mindern.

Bundesfinanzhof, Urteil vom 9. Februar 2012 – III R 5/08

  1. Fortentwicklung der Rechtsprechung zu BFH, Urteil vom 17.12.2009 – III R 74/07, BFHE 228, 72, BStBl II 2010, 552[]
  2. BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 182/98, BFHE 189, 457, BStBl II 2000, 79, unter II.4. c[]
  3. ausführlich BFH, Urteil vom 17.12.2009 – III R 74/07, BFHE 228, 72, BStBl II 2010, 552[]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFHE 228, 72, BStBl II 2010, 552, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil vom 28.09.2000 – III R 21/00, BFH/NV 2001, 435, m.w.N.[]