Pflicht­teils­ver­zicht ‑und die Zin­sen aus der Stun­dung eines Ausgleichsanspruchs

Ver­zich­tet ein Kind gegen­über sei­nen Eltern auf künf­ti­ge Pflicht­teils­an­sprü­che und erhält es dafür einen fäl­li­gen Zah­lungs­an­spruch, so führt die Ver­zin­sung die­ses Zah­lungs­an­spruchs zu steu­er­pflich­ti­gen Kapi­tal­erträ­gen i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG.

Pflicht­teils­ver­zicht ‑und die Zin­sen aus der Stun­dung eines Ausgleichsanspruchs

Die Zin­sen aus der Stun­dung eines Aus­gleichs­an­spruchs für den Pflicht­teils­ver­zicht sind mit­hin einkommensteuerbar.

ach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG gehö­ren zu den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen Erträ­ge aus sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen jeder Art, wenn die Rück­zah­lung des Kapi­tal­ver­mö­gens oder ein Ent­gelt für die Über­las­sung des Kapi­tal­ver­mö­gens zur Nut­zung zuge­sagt oder gewährt wor­den ist, auch wenn die Höhe des Ent­gelts von einem unge­wis­sen Ereig­nis abhängt. Dies gilt unab­hän­gig von der Bezeich­nung und der zivil­recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Kapitalanlage.

Kapi­tal­for­de­run­gen in die­sem Sin­ne sind alle auf Geld­leis­tung gerich­te­te For­de­run­gen ohne Rück­sicht auf die Dau­er der Kapi­tal­über­las­sung oder den Rechts­grund des Anspruchs [1]. Eben­so uner­heb­lich ist, ob die zugrun­de lie­gen­de Kapi­tal­for­de­rung selbst steu­er­bar und die Kapi­tal­über­las­sung frei­wil­lig erfolgt ist [2].

Erfor­der­lich ist aber in jedem Fall die Über­las­sung von pri­va­tem Geld­ver­mö­gen an Drit­te. Dabei kann die Kapi­tal­über­las­sung in unter­schied­li­cher Art und Wei­se erfol­gen, etwa durch Hin­ga­be als [3]Dar­le­hen, durch Nova­ti­on eines bestehen­den Zah­lungs­an­spruchs in ein Dar­le­hen oder durch zeit­li­che Stre­ckung eines Zah­lungs­an­spruchs mit­tels Ver­ren­tung [4]. Zu den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG gehö­ren sodann alle Ver­mö­gens­meh­run­gen, die bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung Ent­gelt für die über­las­se­ne Kapi­tal­nut­zung sind [5].

Nach die­sen Grund­sät­zen han­delt es sich im hier ent­schie­de­nen Streit­fall bei dem aus­ge­zahl­ten Zins­be­trag um Kapi­tal­erträ­ge i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG.

Das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg [6] ist in der Vor­in­stanz zu Unrecht davon aus­ge­gan­gen, dass sich aus dem nota­ri­ell beur­kun­de­ten Pflicht­teils­ver­zichts­ver­trag erge­be, dass in dem dar­auf aus­ge­zahl­ten Betrag kein Ent­gelt für die Über­las­sung von Kapi­tal ent­hal­ten sei. Die recht­li­che Ein­ord­nung des von den Ver­trags­part­nern Gewoll­ten am Maß­stab der jeweils ein­schlä­gi­gen Nor­men durch das Finanz­ge­richt ist für den BFH als Revi­si­ons­ge­richt nicht nach § 118 Abs. 2 FGO bin­dend, son­dern in vol­lem Umfang nach­prüf­ba­re Rechts­an­wen­dung [7]. Der BFH ist danach an die unzu­tref­fen­de recht­li­che Wür­di­gung der ein­deu­ti­gen und somit nicht aus­le­gungs­fä­hi­gen Rege­lun­gen des Pflicht­teils­ver­zichts­ver­trags durch das Finanz­ge­richt nicht gebunden.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt wur­de in dem Pflicht­teils­ver­zichts­ver­trag ver­ein­bart, dass die Toch­ter durch den Ver­zicht auf ihren Pflicht­teil eine For­de­rung gegen ihre Eltern in Höhe von 150.000 DM erwarb, die am 31.12.1994 fäl­lig war. Die­se For­de­rung hat­te sie zunächst bis zum Tod des letzt­versterben­den Eltern­teils ver­zins­lich gestun­det. Auf­grund der Anord­nung im gemein­schaft­li­chen Tes­ta­ment der Eltern wur­de der gestun­de­te Betrag aus­ge­zahlt und es flos­sen der Toch­ter die bis dahin ent­stan­de­nen Zin­sen von 5 % pro Jahr zu. Zwar unter­liegt das Ent­gelt für den Ver­zicht auf den Pflicht­teil nicht der Besteue­rung, da es sich bei der Regu­lie­rung der Ver­mö­gens­nach­fol­ge um einen erbrecht­lich, bür­ger­lich-recht­lich und steu­er­recht­lich unent­gelt­li­chen Ver­trag han­delt [8]. Anders ver­hält es sich bei den Zin­sen, die die Eltern der Toch­ter als Ent­gelt für die Stun­dung der Aus­gleichs­for­de­rung gezahlt haben. Die Toch­ter hat­te den Eltern durch die Stun­dung einen Kre­dit in Höhe von 150.000 DM [9] gewährt [10]. Die hier­für gezahl­ten Zin­sen unter­lie­gen der Besteue­rung nach § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG.

Die BFH, Urtei­le jeweils in BFHE 229, 104, BStBl II 2010, 818 und in BFH/​NV 2010, 1793 füh­ren zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt kann aus die­sen BFH, Urtei­len nicht der Schluss gezo­gen wer­den, dass wenn schon wie­der­keh­ren­de Zah­lun­gen kei­nen steu­er­ba­ren Zins­an­teil ent­hal­ten, dies bei einer Ein­mal­zah­lung erst recht gel­ten müs­se. Ent­schei­dend ist, dass die Toch­ter durch den Ver­zicht auf ihren Pflicht­teil einen fäl­li­gen Anspruch auf eine Aus­gleichs­zah­lung erhal­ten hat, den sie erst in einem zwei­ten Schritt gestun­det hat. Hier­durch wur­den die Eltern von ihrer Ver­pflich­tung zur Aus­zah­lung befreit, so dass eine Kre­dit­ge­wäh­rung vor­liegt. Die hier­für gezahl­ten Zin­sen unter­lie­gen der Besteue­rung gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG .

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. August 2019 – VIII R 22/​17

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urteil vom 27.10.2015 – VIII R 70/​13, BFH/​NV 2016, 736, Rz 28[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 13.11.2007 – VIII R 36/​05, BFHE 220, 35, BStBl II 2008, 292, unter II. 2.; vom 09.06.2015 – VIII R 18/​12, BFHE 250, 105, BStBl II 2016, 523, Rz 12; vom 20.10.2015 – VIII R 40/​13, BFHE 252, 260, BStBl II 2016, 342, Rz 26[]
  3. end­fäl­li­ges oder in Raten zu til­gen­des[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 229, 104, BStBl II 2010, 818, unter II. 2.a aa, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil vom 20.11.2012 – VIII R 57/​10, BFHE 239, 422, BStBl II 2014, 56, unter II. 2.a, m.w.N.[]
  6. FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 22.11.2017 – 3 K 3189/​17[]
  7. BFH, Urteil vom 17.05.2017 – II R 35/​15, BFHE 258, 95, BStBl II 2017, 966, Rz 26 f.[]
  8. BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2010, 1793; in BFHE 229, 104, BStBl II 2010, 818; in BFHE 239, 422, BStBl II 2014, 56[]
  9. umge­rech­net 76.693, 78 EUR[]
  10. vgl. BFH, Urteil in BFHE 252, 260, BStBl II 2016, 342[]