Objek­ti­ve Kri­te­ri­en bei der inner­ge­mein­schaft­li­chen Lieferung

Inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen sind gemäß § 4 Nr. 1 Buchst. b UStG unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 6a UStG steu­er­frei. Eine steu­er­freie inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung setzt u.a. vor­aus, dass der Unter­neh­mer oder der Abneh­mer den Gegen­stand der Lie­fe­rung in das übri­ge Gemein­schafts­ge­biet beför­dert oder ver­sen­det hat (§ 6a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG).

Objek­ti­ve Kri­te­ri­en bei der inner­ge­mein­schaft­li­chen Lieferung

Uni­ons­recht­lich beruht die Steu­er­frei­heit der inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung auf Art. 138 MwStSystRL.

Der Begriff der Lie­fe­rung hat einen objek­ti­ven Cha­rak­ter und ist unab­hän­gig von Zweck und Ergeb­nis der betrof­fe­nen Umsät­ze anwend­bar [1]. Die Steu­er­ver­wal­tung ist dabei nicht ver­pflich­tet, Unter­su­chun­gen anzu­stel­len, um die Absicht des betrof­fe­nen Steu­er­pflich­ti­gen zu ermit­teln oder gar die Absicht eines von die­sem Steu­er­pflich­ti­gen ver­schie­de­nen, an der­sel­ben Lie­fer­ket­te betei­lig­ten Händ­lers zu berück­sich­ti­gen [2].

Ob Ver­fü­gungs­macht über­tra­gen wird, rich­tet sich nach dem Gesamt­bild der Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls, d.h. den kon­kre­ten ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen und deren tat­säch­li­cher Durch­füh­rung unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten [3]. Es ist Sache der Tat­sa­chen­in­stanz, im Lich­te aller tat­säch­li­chen Umstän­de zu prü­fen, ob dies in dem vor ihr anhän­gi­gen Rechts­streit der Fall ist [4].

Nach den o.g. Grund­sät­zen setzt der Über­gang der Ver­fü­gungs­macht weder zivil­recht­li­chen (unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren) Besitz zwin­gend vor­aus noch ist auf inne­re Tat­be­stands­merk­ma­le bei den Betei­lig­ten abzu­stel­len, soweit hier­für kei­ne objek­ti­ven Umstän­de fest­ge­stellt wer­den können.

Die Über­tra­gung der Befug­nis, über einen kör­per­li­chen Gegen­stand wie ein Eigen­tü­mer zu ver­fü­gen, ver­langt weder, dass die Par­tei, der die­ser Gegen­stand über­tra­gen wird, phy­sisch über ihn ver­fügt, noch, dass der Gegen­stand phy­sisch zu ihr beför­dert wird und/​oder phy­sisch von ihr emp­fan­gen wird [5]. Eine unmit­tel­ba­re Zugriffs­mög­lich­keit ist somit nicht not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für das Vor­lie­gen einer Lie­fe­rung [6].

Die Ein­stu­fung einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung oder eines inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs hat anhand objek­ti­ver Kri­te­ri­en wie des Vor­lie­gens einer phy­si­schen Bewe­gung der betref­fen­den Gegen­stän­de zwi­schen Mit­glied­staa­ten zu erfol­gen [7]. Inso­fern ist nicht auf die sub­jek­ti­ve Kennt­nis der Unter­neh­me­rin oder des Emp­fän­gers abzu­stel­len, son­dern sind die objek­ti­ven Umstän­de maß­geb­lich [8].

So führt zum einen man­geln­des Bewusst­sein über die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 6a UStG nicht zwin­gend dazu, dass die­se nicht vor­lie­gen. Zum ande­ren geht auch die Argu­men­ta­ti­on des Finanz­ge­richts Rhein­land-Pfalz [9] fehl, dass der Lie­fe­rant Vor­sor­ge für eine Doku­men­ta­ti­on äuße­rer Beweis­an­zei­chen eines Besitz­wech­sels getrof­fen hät­te, wenn ihm die Not­wen­dig­keit eines sol­chen bewusst gewe­sen wäre. Viel­mehr liegt eine sol­che Doku­men­ta­ti­on mit der Unter­zeich­nung einer Emp­fangs­be­stä­ti­gung vor, da die­se übli­cher­wei­se nicht nur der Doku­men­ta­ti­on des phy­si­schen Grenz­über­tritts, son­dern auch des Besitz­über­gangs dient.

Zwar stellt im Regel­fall die Unter­zeich­nung einer Emp­fangs­be­stä­ti­gung im Zusam­men­hang mit dem Trans­port des Gegen­stands ein aus­rei­chen­des Indiz für die Annah­me eines Über­gangs der Ver­fü­gungs­macht dar. Dies gilt jeden­falls dann, wenn eine über­ein­stim­men­de Wer­tung von Lie­fe­rant und Erwer­ber über das Vor­lie­gen einer Lie­fe­rung als Indiz hin­zu­kommt [10].

Beför­de­rung

Nach § 3 Abs. 6 Satz 2 UStG ist „Beför­dern“ jede Fort­be­we­gung eines Gegen­stands. Die Beför­de­rung ist been­det, wenn der Gegen­stand der Lie­fe­rung sei­nen Bestim­mungs­ort erreicht hat [11].

Inso­fern kommt es zur Bestim­mung des End­punk­tes der Beför­de­rung nicht auf den Trans­port­weg oder dar­auf an, ob die­ser unter­bro­chen wur­de. Viel­mehr ist für die Ein­stu­fung eines Umsat­zes als inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung oder inner­ge­mein­schaft­li­cher Erwerb fest­zu­stel­len, ob ein hin­rei­chen­der zeit­li­cher und sach­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen der Lie­fe­rung des in Rede ste­hen­den Gegen­stands und sei­ner Beför­de­rung sowie ein kon­ti­nu­ier­li­cher Ablauf des Vor­gangs gege­ben sind [12]. Der danach erfor­der­li­che zeit­li­che und sach­li­che Zusam­men­hang als kon­ti­nu­ier­li­cher Ablauf wird durch eine von vorn­her­ein nur vor­über­ge­hen­de Ein­la­ge­rung auf kur­ze Zeit nicht beein­träch­tigt [13].

Die Beur­tei­lung, wo eine Beför­de­rung endet, ist im Wesent­li­chen das Ergeb­nis einer tat­säch­li­chen Wür­di­gung, die dem Finanz­ge­richt als Tat­sa­chen­in­stanz obliegt [14].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 11. März 2020 – XI R 7/​18

Objektive Kriterien bei der innergemeinschaftlichen Lieferung
  1. EuGH, Urtei­le VSTR vom 27.09.2012 – C‑587/​10, EU:C:2012:592, HFR 2012, 1212, Rz 30; Vega Inter­na­tio­nal Car Trans­port and Logistic vom 15.05.2019 – C‑235/​18, EU:C:2019:412, HFR 2019, 625, Rz 28; BFH, Urteil vom 25.02.2015 – XI R 15/​14, BFHE 249, 343, Rz 37, jeweils m.w.N.[]
  2. EuGH, Urtei­le Dixons Retail vom 21.11.2013 – C‑494/​12, EU:C:2013:758, HFR 2014, 84, Rz 21; Vega Inter­na­tio­nal Car Trans­port and Logistic, EU:C:2019:412, HFR 2019, 625, Rz 28[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 09.02.2006 – V R 22/​03, BFHE 213, 83, BStBl II 2006, 727, unter II. 1.b aa, Rz 20; vom 16.04.2008 – XI R 56/​06, BFHE 221, 475, BStBl II 2008, 909, unter II. 2.a, Rz 27; in BFH/​NV 2016, 597, Rz 22[]
  4. vgl. EuGH, Urtei­le Evita‑K, EU:C:2013:486, HFR 2013, 857, Rz 34; Ent­e­co Bal­tic, EU:C:2018:473, HFR 2018, 672, Rz 90; BFH, Urteil in BFH/​NV 2016, 597, Rz 22, jeweils m.w.N.[]
  5. EuGH, Urteil Ent­e­co Bal­tic, EU:C:2018:473, HFR 2018, 672, Rz 87, m.w.N.[]
  6. BFH, Urteil in BFH/​NV 2016, 597, Rz 23[]
  7. EuGH, Urtei­le Tele­os u.a. vom 27.09.2007 – C‑409/​04, EU:C:2007:548, BStBl II 2009, 70, Rz 40; – X vom 18.11.2010 – C‑84/​09, EU:C:2010:693, HFR 2011, 221, Rz 41[]
  8. vgl. BFH, Urteil vom 25.02.2015 – XI R 30/​13, BFHE 249, 336, Rz 38[]
  9. FG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 17.01.2018 – 3 K 1866/​16[]
  10. BFH, Urteil in BFHE 249, 336, Rz 39[]
  11. BFH, Urteil vom 20.12.2006 – V R 11/​06, BFHE 216, 379, BStBl II 2007, 424, unter II. 1.d, Rz 26[]
  12. EuGH, Urtei­le X, EU:C:2010:693, HFR 2011, 221, Rz 33; Fon­de­rie 2A vom 02.10.2014 – C‑446/​13, EU:C:2014:2252, HFR 2014, 1130, Rz 29[]
  13. BFH, Urteil vom 20.10.2016 – V R 31/​15, BFHE 255, 550, BStBl II 2017, 1076, Rz 20[]
  14. BFH, Urteil in BFHE 216, 379, BStBl II 2007, 424, unter II. 1.d, Rz 27, m.w.N.[]