Kei­ne Organ­ge­sell­schaft kraft Billigkeitsentscheidung

Die Finanz­ge­rich­te sind an eine aus­drück­li­che Bil­lig­keits­ent­schei­dung des Finanz­amts [1], dass eine Gesell­schaft nicht als Organ­ge­sell­schaft zu behan­deln ist, gebunden.

Kei­ne Organ­ge­sell­schaft kraft Billigkeitsentscheidung

Besteht eine Nicht­be­an­stan­dungs­an­wei­sung der Finanz­ver­wal­tung, die als eine sach­li­che Bil­lig­keits­re­ge­lung der Ver­wal­tung i.S. des § 163 AO anzu­se­hen ist und trifft das Finanz­amt eine dar­auf gestütz­te (Billigkeits-)Entscheidung, kommt die­ser für die Steu­er­fest­set­zung die Bin­dungs­wir­kung eines Grund­la­gen­be­scheids (§ 171 Abs. 10 AO) zu [2]. Sie ist der gericht­li­chen Über­prü­fung auch dann ent­zo­gen, wenn sie den Anfor­de­run­gen der §§ 163, 227 AO nicht genü­gen soll­te [3].

Auf­grund der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on „Laren­tia + Miner­va“ [4] und der nach­fol­gen­den geän­der­ten Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs [5] hat auch die Finanz­ver­wal­tung Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten als Organ­ge­sell­schaf­ten aner­kannt [6]. Hier­in lag eine Abwei­chung von der bis­her geüb­ten Ver­wal­tungs­pra­xis, so dass die Finanz­ver­wal­tung all­ge­mei­ne Über­gangs­re­ge­lun­gen erlas­sen hat, um die Steu­er­pflich­ti­gen im Hin­blick auf im Ver­trau­en auf die bis­he­ri­ge Rechts­la­ge getrof­fe­ne Dis­po­si­tio­nen nicht zu ent­täu­schen [7]. So sind nach der Über­gangs­re­ge­lung in Teil – III die­ses BMF, Schrei­bens die Ände­run­gen zur Ein­glie­de­rung von Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten erst für nach dem 31.12.2018 aus­ge­führ­te Umsät­ze anzu­wen­den, sofern sich nicht die am Organ­kreis Betei­lig­ten bei der Beur­tei­lung des Umfangs der umsatz­steu­er­recht­li­chen Organ­schaft über­ein­stim­mend auf die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen des BMF, Schrei­bens berufen.

Unter Bezug­nah­me auf die­se Rege­lung hat das Finanz­amt in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall auf Antrag einer der betei­lig­ten Gesell­schaf­ten durch Bil­lig­keits­maß­nah­me ent­schie­den, dass es erst für Umsät­ze ab dem 01.01.2019 von einer even­tu­el­len Organ­schaft der Klä­ge­rin mit der D GmbH & Co. KG bzw. C GmbH & Co. KG aus­ge­hen wird. Dar­an sind die Finanz­ge­rich­te gebun­den und haben ohne eige­ne Sach­prü­fung davon aus­zu­ge­hen, dass eine Organ­schaft nicht besteht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 12. Febru­ar 2020 – XI R 24/​18

  1. gem. BMF, Schrei­ben vom 26.05.2017 – III C 2‑S 7105/​15/​10002, BStBl I 2017, 790, Rz. 5[]
  2. BFH, Urtei­le vom 08.08.2001 – I R 25/​00, BFHE 196, 485, BStBl II 2003, 923, Rz 13; vom 16.03.2004 – VIII R 33/​02, BFHE 205, 270, BStBl II 2004, 927, Rz 17; vom 10.05.2017 – I R 93/​15, BFHE 259, 49, BStBl II 2019, 278, Rz 37; BFH, Beschluss vom 12.07.2012 – I R 32/​11, BFHE 237, 307, BStBl II 2015, 175, Rz 15; jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 196, 485, BStBl II 2003, 923, Rz 13; vom 05.03.2008 – I R 12/​07, BFHE 220, 454, BStBl II 2015, 409, Rz 20[]
  4. EuGH, Urteil „Laren­tia + Miner­va“ vom 16.07.2015 – C‑108/​14 und – C‑109/​14, EU:C:2015:496, BStBl II 2017, 604[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 02.12.2015 – V R 25/​13, BFHE 251, 534, BStBl II 2017, 547; BFH, Urteil vom 19.01.2016 – XI R 38/​12, BFHE 252, 516, BStBl II 2017, 567[]
  6. BMF, Schrei­ben in BStBl I 2017, 790[]
  7. vgl. all­ge­mein BFH, Urteil vom 23.08.2017 – I R 52/​14, BFHE 259, 20, BStBl II 2018, 232, Rz 19, m.w.N.[]