Finanz­ge­richt­li­che Urtei­le – und die Unter­schrifts­wie­der­ga­be auf der beglau­big­ten Abschrift

Kann der beglau­big­ten Abschrift eines Urteils nicht ent­nom­men wer­den, ob die Rich­ter die Urschrift des Urteils unter­schrie­ben haben, ist die Urteils­zu­stel­lung unwirksam.

Finanz­ge­richt­li­che Urtei­le – und die Unter­schrifts­wie­der­ga­be auf der beglau­big­ten Abschrift

Gemäß § 104 Abs. 2 FGO kann die Bekannt­ga­be eines Urteils an die Betei­lig­ten ‑statt durch Ver­kün­dung- durch Zustel­lung erfol­gen. Für die Zustel­lung von Urtei­len im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gilt § 155 Satz 1 FGO i.V.m. § 317 ZPO. Nach die­ser Vor­schrift in der seit dem 01.07.2014 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur För­de­rung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten vom 10.10.2013 [1] wer­den Urtei­le den Betei­lig­ten von Amts wegen grund­sätz­lich in Abschrift zuge­stellt (§ 317 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Die Abschrift ist von der Geschäfts­stel­le gemäß § 53 Abs. 2 FGO i.V.m. § 169 Abs. 2 Satz 1 ZPO zu beglau­bi­gen. Aus­fer­ti­gun­gen eines Urteils wer­den gemäß § 317 Abs. 2 Sät­ze 1 und 3 Halb­satz 1 ZPO nur noch auf Antrag und regel­mä­ßig ohne Tat­be­stand und Ent­schei­dungs­grün­de erteilt [2]. Der Beginn von Rechts­mit­tel­fris­ten setzt nicht mehr die Zustel­lung einer Aus­fer­ti­gung, son­dern die Über­mitt­lung einer beglau­big­ten Abschrift als Regel­form der Urteils­zu­stel­lung vor­aus [3].

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des BGH muss eine Urteils­aus­fer­ti­gung die Urschrift wort­ge­treu und rich­tig wie­der­ge­ben. Hier­zu gehört, dass sie erken­nen lässt, ob das Urteil über­haupt von Rich­tern unter­zeich­net wor­den ist, und wenn ja, wel­che Rich­ter es unter­schrie­ben haben. Die Unter­zeich­nung des Urteils wird durch die maschi­nen­schrift­li­che Wie­der­ga­be der Namen der Rich­ter unter dem Urteil kennt­lich gemacht [4].

Kann einer Aus­fer­ti­gung nicht ent­nom­men wer­den, ob die Rich­ter das Urteil unter­schrie­ben haben, ist nicht gewähr­leis­tet, dass die Aus­fer­ti­gung das Urteil so wie­der­gibt, wie es tat­säch­lich gefällt wor­den ist. Die­se Unklar­heit führt zur Unwirk­sam­keit der Zustel­lung [5]. Sie wird auch nicht dadurch geheilt, dass der Emp­fän­ger die Gele­gen­heit erhält, sich von der Voll­stän­dig­keit der Urschrift und dem Gleich­laut von Urteil und Aus­fer­ti­gung zu über­zeu­gen [6].

Die­se Recht­spre­chung ist zu der vor dem 01.07.2014 gel­ten­den Rechts­la­ge ergan­gen, fin­det aber wei­ter Anwen­dung. Für die Zustel­lung von Urteils­aus­fer­ti­gun­gen kann nichts ande­res als für die Zustel­lung beglau­big­ter Abschrif­ten des Urteils nach neu­em Recht gel­ten [7].

Nach die­sen Maß­stä­ben ist das finanz­ge­richt­li­che Urteil in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall dem Finanz­amt nicht wirk­sam zuge­stellt wor­den. Das Finanz­ge­richt hat­te in der münd­li­chen Ver­hand­lung beschlos­sen, sei­ne Ent­schei­dung nicht zu ver­kün­den, son­dern den Betei­lig­ten durch Zustel­lung bekannt­zu­ge­ben. Ent­spre­chend fer­tig­te die Urkund­s­be­am­tin der Geschäfts­stel­le eine beglau­big­te Abschrift des Urteils an und stell­te sie dem Finanz­amt per Com­pu­ter­fax zu. Dies ergibt sich aus der Gerichts­ak­te. Obwohl die Urschrift des Urteils danach von sämt­li­chen Berufs­rich­tern unter­zeich­net wor­den war, ent­hält die dem Bun­des­fi­nanz­hof vom Finanz­amt vor­ge­leg­te Urteils­ab­schrift ledig­lich die Unter­schrif­ten zwei­er Rich­ter. Deren Namen sind unter dem Urteils­text in Schreib­ma­schi­nen­schrift wie­der­ge­ge­ben. Der Name des drit­ten Berufs­rich­ters in der Mit­te der Sei­te fehlt. Der dem Finanz­amt zuge­stell­ten Abschrift lässt sich nicht ent­neh­men, ob auch der drit­te Berufs­rich­ter die Urschrift unter­schrie­ben hat. Dies führt zur Unwirk­sam­keit der Zustel­lung und hin­dert das Wirk­sam­wer­den der Ent­schei­dung. Zur Besei­ti­gung des Rechts­scheins der Wirk­sam­keit ist das Urteil aufzuheben.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Novem­ber 2019 – II R 6/​17

  1. BGBl I 2013, 3786[]
  2. vgl. auch BT-Drs. 17/​12634, S. 30[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 27.01.2016 – XII ZB 684/​14, NJW 2016, 1180, Rz 16[]
  4. vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 23.01.1975 – VII ZR 199/​73, NJW 1975, 781; und vom 22.09.1977 – VII ZR 144/​77, NJW 1978, 217; BGH, Beschlüs­se vom 30.05.1990 – XII ZB 33/​90, Zeit­schrift für das Gesam­te Fami­li­en­recht 1990, 1227; und vom 09.06.2010 – XII ZB 132/​09, BGHZ 186, 22, unter II. 2.a; vgl. auch BVerwG, Beschluss vom 06.11.2017 – 8 PKH 3/​17 Rz 6[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le in NJW 1975, 781, und in NJW 1978, 217; zustim­mend MünchKommZPO/​Musielak, 5. Aufl., § 315 Rz 12, § 317 Rz 12; Zöller/​Schultzky, ZPO, 33. Aufl., § 169 Rz 8; Zöller/​Feskorn, a.a.O., § 315 Rz 9; Hun­ke in Baumbach/​Lauterbach/​Hartmann/​Anders/​Gehle, Zivil­pro­zess­ord­nung, 78. Aufl., § 317 Rz 11, 11a „Nur Bericht­erstat­ter“; dif­fe­ren­zie­rend Stein/​Jonas/​Althammer, ZPO, 23. Aufl., § 310 Rz 33, § 315 Rz 19; a.A. Ober­lan­des­ge­richt Köln, Urteil vom 28.09.2012 – 19 U 129/​12, Der Deut­sche Rechts­pfle­ger 2013, 265, Rz 15[]
  6. vgl. BGH, Urteil in NJW 1975, 781[]
  7. vgl. Zöller/​Feskorn, a.a.O., § 317 Rz 9; vgl. auch BVerwG, Beschluss vom 06.11.2017 – 8 PKH 3/​17 Rz 6[]