Die vom Gericht vor­ge­schla­ge­ne For­mu­lie­rung des Klageantrags

Nach § 76 Abs. 2 FGO hat der Vor­sit­zen­de (Bericht­erstat­ter) dar­auf hin­zu­wir­ken, dass sach­dien­li­che Anträ­ge gestellt werden.

Die vom Gericht vor­ge­schla­ge­ne For­mu­lie­rung des Klageantrags

Das Wesen der Kla­ge wird durch den begehr­ten rich­ter­li­chen Aus­spruch bestimmt. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass im Zwei­fel das gewollt ist, was nach den Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und der recht ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge ent­spricht [1].

Aus dem Grund­satz der Bin­dung an das Kla­ge­be­geh­ren (§ 96 Abs. 1 Satz 2 FGO) folgt aller­dings, dass das Gericht nicht über das Kla­ge­be­geh­ren hin­aus­ge­hen darf. Dies gilt auch für sei­tens des Gerichts vor­ge­schla­ge­ne Antrags­for­mu­lie­run­gen. Das Gericht darf nicht auf Anträ­ge hin­wir­ken, die nicht dem Kla­ge­be­geh­ren ent­spre­chen, und dem Klä­ger nicht etwas zuspre­chen, was die­ser nicht bean­tragt hat („ne ultra peti­ta“). Es darf auch nicht über etwas ande­res („aliud“) ent­schei­den, als der Klä­ger durch sei­nen Antrag begehrt und zur Ent­schei­dung gestellt hat [2].

Schließ­lich ist in Fäl­len, in denen ein rechts­un­kun­di­ger Steu­er­pflich­ti­ger in unzu­läs­si­ger Wei­se ‑etwa durch Dro­hung, Druck, Täu­schung oder auch unbe­wuss­te Irre­füh­rung- zur Abga­be einer Pro­zess­er­klä­rung ver­an­lasst wor­den ist, die Unwirk­sam­keit die­ser Erklä­rung anzu­neh­men [3].

Im Zusam­men­hang mit dem begehr­ten rich­ter­li­chen Aus­spruch ist zudem zu berück­sich­ti­gen, dass das Ver­bot der Ver­bö­se­rung („refor­ma­tio in pei­us“) das Gericht nicht dar­an hin­dert, ein­zel­ne Besteue­rungs­grund­la­gen in tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Hin­sicht für den Steu­er­pflich­ti­gen ungüns­ti­ger zu beur­tei­len, als dies in dem ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheid gesche­hen ist [4]. Das Ver­bö­se­rungs­ver­bot besagt nur, dass eine Schlech­ter­stel­lung des Klä­gers bezo­gen auf die mit der Kla­ge ange­grif­fe­ne Steu­er­fest­set­zung oder Fest­stel­lung von Besteue­rungs­grund­la­gen ver­bo­ten ist [5]. Streit­ge­gen­stand ist nicht das ein­zel­ne Besteue­rungs­merk­mal, son­dern die Recht­mä­ßig­keit des jewei­li­gen Bescheids.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat das Finanz­ge­richt hat bei sei­nem Vor­schlag zur For­mu­lie­rung des Antrags der Klä­ger nicht gegen die vor­ge­nann­ten Grund­sät­ze verstoßen:

Im Streit­fall ent­spricht der Vor­schlag des Bericht­erstat­ters, dem die Klä­ger bei ihrer Antrag­stel­lung gefolgt sind, der recht ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge der Klä­ger. Die zuvor von den Klä­gern begehr­te ersatz­lo­se Auf­he­bung der ange­foch­te­nen Wert­fort­schrei­bungs­be­schei­de hät­te eine ‑rech­ne­ri­sche- Bewer­tung des Bau­teils 02 mit „0 EUR“ bedeu­tet, wovon die Klä­ger nicht aus­ge­hen konn­ten. Das Finanz­ge­richt hat den Antrag der Klä­ger dahin ver­stan­den, dass sie hin­sicht­lich des Bau­teils 01 den Ansatz der bis­he­ri­gen Jah­res­roh­mie­te und damit des bis­he­ri­gen Werts sowie hin­sicht­lich des Bau­teils 02 den Ansatz einer nied­ri­ge­ren Jah­res­roh­mie­te begeh­ren. Die­se Aus­le­gung ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Dar­über hin­aus fehlt es an einer unlau­te­ren Vor­ge­hens­wei­se des Bericht­erstat­ters, da die­ser die Umstel­lung des Kla­ge­an­trags offen vor­ge­schla­gen und die Zustim­mung der Klä­ger ein­ge­holt hat. Das Hin­wir­ken des Finanz­ge­richt auf einen geän­der­ten Kla­ge­an­trag war sachgemäß.

Die Berück­sich­ti­gung der vol­len Grund­flä­che im Bau­teil 02 bei der Bemes­sungs­grund­la­ge stellt kei­ne Ver­bö­se­rung dar. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ger gibt es im Streit­fall nicht zwei ange­foch­te­ne Rege­lun­gen in Gestalt der Bau­tei­le 01 und 02. Gegen­stand der Kla­ge ist viel­mehr nur ein Ver­wal­tungs­akt in Gestalt der Fest­stel­lung des Ein­heits­werts. Die Auf­tei­lung in Bau­tei­le betrifft nur die rech­ne­ri­sche Ermitt­lung der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Ein­heits­wert­fest­stel­lung für das Grund­stück als Gan­zes. Zu ver­glei­chen ist der Ein­heits­wert unter Berück­sich­ti­gung der vol­len Grund­flä­che für den Bau­teil 02 auf­grund des Urteils des Finanz­ge­richt mit dem Ein­heits­wert in dem ange­foch­te­nen Wert­fort­schrei­bungs­be­scheid. Der Ein­heits­wert laut Finanz­ge­richt beläuft sich auf 48.300 DM ((Mie­te für den Bau­teil 01 2.417 DM zuzüg­lich Mie­te für den Bau­teil 02 1.646 DM [28 m² x 4, 90 DM/​m² x 12] = 4.063 DM x 11, 9, abge­run­det 48.300 DM. Dage­gen war in dem ange­foch­te­nen Wert­fort­schrei­bungs­be­scheid ein höhe­rer Ein­heits­wert von 48.600 DM fest­ge­stellt. Der Umstand, dass das Finanz­ge­richt selbst bei der Berück­sich­ti­gung der vol­len Grund­flä­che für den Bau­teil 02 den Ein­heits­wert im Urteil zuguns­ten der Klä­ger her­ab­ge­setzt hat, zeigt, dass kei­ne Ver­bö­se­rung vorliegt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2019 – II R 15/​16

  1. BFH, Beschluss vom 02.07.2012 – III B 101/​11, BFH/​NV 2012, 1628, Rz 9, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil vom 08.03.2012 – V R 49/​10, BFH/​NV 2012, 1665[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 26.10.2006 – V R 40/​05, BFHE 215, 53, BStBl II 2007, 271, unter II. 4.a zur Kla­ge­rück­nah­me[]
  4. vgl. grund­sätz­lich BFH, Beschluss vom 19.11.2013 – XI B 9/​13, BFH/​NV 2014, 373, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil vom 01.12.2010 – XI R 46/​08, BFHE 232, 232[]