Die Untä­tig­keits­kla­ge von Eheleuten

Vor­aus­set­zung für die Zuläs­sig­keit ihrer Untä­tig­keits­kla­ge ist gemäß § 46 Abs. 1 FGO, dass die Klä­ge­rin einen Ein­spruch ein­ge­legt hat, über den das Finanz­amt nicht in ange­mes­se­ner Zeit ent­schie­den hat [1]. Dies ist nicht der Fall, wenn nicht die Klä­ge­rin son­dern nur ihr Ehe­mann Ein­spruch gegen den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid ein­ge­legt hat.

Die Untä­tig­keits­kla­ge von Eheleuten

Nach § 357 Abs. 1 Satz 1 der Abga­ben­ord­nung (AO) ist der Ein­spruch schrift­lich oder elek­tro­nisch ein­zu­rei­chen oder zur Nie­der­schrift zu erklä­ren. Es genügt, wenn aus dem Schrift­stück her­vor­geht, wer den Ein­spruch ein­ge­legt hat (§ 357 Abs. 1 Satz 2 AO).

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs muss sich aus der Rechts­be­helfs­schrift hin­rei­chend klar erge­ben, wer die Ver­wal­tungs­ent­schei­dung angreift. Bei Zusam­men­ver­an­la­gung muss fest­ste­hen, wel­cher Ehe­gat­te die Nach­prü­fung des Steu­er­be­scheids begehrt. Dabei hat ein von dem einen Ehe­gat­ten ein­ge­leg­ter Rechts­be­helf nicht ohne Wei­te­res die Wir­kung eines für den ande­ren Ehe­gat­ten ein­ge­leg­ten Rechts­be­helfs. Selbst wenn ange­nom­men wür­de, dass der den Rechts­be­helf ein­le­gen­de Ehe­gat­te bereits auf­grund der gemein­sa­men, von bei­den Ehe­gat­ten unter­schrie­be­nen Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung von dem ande­ren Ehe­gat­ten wirk­sam zur Vor­nah­me aller im Besteue­rungs­ver­fah­ren erfor­der­li­chen Rechts­hand­lun­gen bevoll­mäch­tigt wor­den wäre, so ist für die wirk­sa­me Rechts­be­helfs­ein­le­gung des einen Ehe­gat­ten auch für den ande­ren Ehe­gat­ten erfor­der­lich, dass der das Rechts­mit­tel füh­ren­de Ehe­gat­te unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck bringt, er lege den Rechts­be­helf auch für den ande­ren Ehe­gat­ten ein [2].

Im vor­lie­gen­den Fall ist daher das Säch­si­sche Finanz­ge­richt [3] nach die­sen Grund­sät­zen zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass nicht die Klä­ge­rin, son­dern allein ihr Ehe­mann Ein­spruch gegen den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid vom 27.11.2014 ein­ge­legt hat. Es hat dies rechts­feh­ler­frei dar­aus geschluss­fol­gert, dass im Brief­kopf des Ein­spruchs­schrei­bens allein der Klä­ger benannt, das Schrei­ben in „Ich-Form“ gehal­ten und auch nur vom Klä­ger unter­schrie­ben wor­den war sowie die Ein­wen­dun­gen aus­schließ­lich die Ein­künf­te des Klä­gers betra­fen [4]. Der Umstand, dass das Finanz­amt von einem Ein­spruch auch der Ehe­frau aus­ge­gan­gen ist, stellt die Wür­di­gung des Finanz­ge­richts eben­so wenig in Fra­ge wie die Behaup­tung der Klä­ge­rin, das Finanz­amt habe sie „ent­spre­chend einer lang­jäh­ri­gen Übung bei frü­he­ren Ein­sprü­chen“ bei den vom Klä­ger allein for­mu­lier­ten Ein­spruchs­schrei­ben stets auch als Ein­spruchs­füh­re­rin betrach­tet. Weder eine (feh­ler­haf­te) recht­li­che Wür­di­gung des Finanz­amt noch die behaup­te­te „lang­jäh­ri­ge Übung“ kön­nen die feh­len­de Sachur­teils­vor­aus­set­zung der Ein­spruchs­ein­le­gung durch die Klä­ge­rin ersetzen.

Die Kla­ge der Klä­ge­rin war daher nicht zuläs­sig. Soweit die Klä­ge­rin in der Revi­si­ons­be­grün­dung rügt, das Finanz­ge­richt habe den Sach­ver­halt nicht hin­rei­chend gewür­digt, weil es unbe­ach­tet gelas­sen habe, dass das Finanz­amt selbst im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren erklärt habe, es sei von einem Ein­spruch der Klä­ge­rin aus­ge­gan­gen, wäre ein etwai­ger Ver­stoß gegen § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO jeden­falls nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich [5]. Das­sel­be gilt für einen etwai­gen Ver­stoß gegen den Anspruch der Klä­ge­rin auf recht­li­ches Gehör (§ 96 Abs. 2, § 119 Nr. 3 FGO, Art. 103 Abs. 1 GG) [6].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Juni 2020 – VIII R 9/​18

Die Untätigkeitsklage von Eheleuten
  1. BFH, Urtei­le vom 03.08.2005 – I R 74/​02, BFH/​NV 2006, 19, unter II. 2.b; vom 15.01.2015 – I R 69/​12, BFHE 249, 99, Rz 21[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung; vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 20.12.2006 – X R 38/​05, BFHE 216, 297, BStBl II 2007, 823, unter B.I. 1.; und vom 20.12.2012 – III R 59/​12, BFH/​NV 2013, 709, Rz 12[]
  3. Sächs. Finanz­ge­richt, Urteil vom 04.05.2017 – 5 K 1362/​15[]
  4. vgl. auch BFH, Urtei­le in BFHE 216, 297, BStBl II 2007, 823, unter B.I. 2., und in BFH/​NV 2013, 709, Rz 13[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 19.09.2012 – III B 53/​12, BFH/​NV 2013, 62, Rz 3; Gräber/​Ratschow, Finanz­ge­richts­ord­nung, 9. Aufl., § 96 Rz 56[]
  6. vgl. dazu BFH, Beschluss vom 23.06.2017 – X B 152/​16, BFH/​NV 2017, 1622, Rz 13[]