Ambu­lan­te 24-Stunden-Pflege

Leis­tun­gen der sog. 24-Stun­den-Pfle­ge von pri­vat­recht­li­chen Ein­rich­tun­gen zur ambu­lan­ten Pfle­ge waren in den Jah­ren 2005 und 2006 nur dann umsatz­steu­er­frei, wenn im Vor­jahr oder im jewei­li­gen Kalen­der­jahr die Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens 40 % der Pfle­ge­fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind. Die­se Ein­schrän­kung ist weder uni­ons­rechts­wid­rig noch verfassungswidrig.

Ambu­lan­te 24-Stunden-Pflege

Der Gesetz­ge­ber ging davon aus, dass die Rege­lung in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ent­spricht [1]. Die (in den hier maß­geb­li­chen Streit­jah­ren 2005 und 2006 gel­ten­de) Absen­kung der ursprüng­li­chen Zwei-Drit­tel-Gren­ze auf 40 % erfolg­te zur Anpas­sung an die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung der Pfle­ge­ver­si­che­rung, um die­se Gren­ze an die bei Kran­ken­häu­sern gel­ten­de Min­dest­gren­ze für das Vor­lie­gen bestimm­ter Vor­aus­set­zun­gen anzu­glei­chen [2]. Des­halb greift auch der Ein­wand, der Gesetz­ge­ber habe die Mög­lich­kei­ten der Aner­ken­nung erwei­tern und nicht ein­schrän­ken wol­len, nicht durch [3].

Die Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. greift nicht ein. Der Tat­be­stand ist nicht erfüllt, weil die Pfle­ge­kos­ten nicht „im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr“ in min­des­tens 40 % der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind.

Die Ansicht, der Gesetz­ge­ber habe nicht das Pro­blem gese­hen, dass nach der Struk­tur des SGB XI bei der Pfle­ge der Pati­ent Eigen­an­tei­le an den Leis­tungs­er­brin­ger zah­len müs­se, ändert nichts an der gesetz­li­chen Anordnung.

Im Übri­gen belegt der Umstand, dass der Gesetz­ge­ber im Rah­men der Neu­fas­sung des § 4 Nr. 16 UStG zwar zahl­rei­che „Sozi­al­kri­te­ri­en“ abge­schafft, aber als „Auf­fang­tat­be­stand“ in Buchst. k an der 40 %-Gren­ze fest­ge­hal­ten [4] und mit dem Amts­hil­fe­richt­li­nie-Umset­zungs­ge­setz vom 26.06.2013 [5] die Gren­ze des § 4 Nr. 16 Buchst. l UStG im Hin­blick auf die wei­te­re Ver­brei­tung der Anwen­dung des Per­sön­li­chen Bud­gets auf 25 % abge­senkt hat [6], dass er in den dor­ti­gen Fäl­len als „Sozi­al­kri­te­ri­um“ an einer Min­dest­gren­ze fest­hal­ten will.

Die Leis­tun­gen sind auch nicht nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG steu­er­frei; denn § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. war in den Streit­jah­ren 2005 und 2006 inso­weit nicht uni­ons­rechts­wid­rig, als er die Steu­er­be­frei­ung von der Ein­hal­tung der 40 %-Gren­ze (im sel­ben Jahr) abhän­gig gemacht hat.

Nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG (jetzt: Art. 132 Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem ‑MwSt­Sys­tRL-) befrei­en die Mit­glied­staa­ten eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen und Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den, ein­schließ­lich der­je­ni­gen, die durch Alten­hei­me, Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­re von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tun­gen bewirkt wer­den. Es muss sich nach dem Wort­laut der Richt­li­nie um eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen han­deln und der Leis­ten­de muss eine Ein­rich­tung des öffent­li­chen Rechts oder als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kannt sein.

Das Finanz­ge­richt hat zwar zutref­fend Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG als beruf­bar ange­se­hen [7] und die Leis­tun­gen der sog. 24-Stun­den-Pfle­ge zu Recht als eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen beur­teilt [8].

Die Annah­me, der hier kla­gen­de ambu­lan­te Pfle­ge­dienst sei eine vom Mit­glied­staat Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aner­kann­te Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter, ist aber unzutreffend.

Zwar ist der Begriff „Ein­rich­tung“ grund­sätz­lich weit genug, um auch natür­li­che Per­so­nen [9] und pri­va­te Ein­hei­ten mit Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht [10] zu erfas­sen [11].

Nach den EuGH, Urtei­len Küg­ler [12] und Zim­mer­mann [13] legt Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG die Vor­aus­set­zun­gen und Moda­li­tä­ten der Aner­ken­nung aber nicht fest. Viel­mehr ist es Sache des inner­staat­li­chen Rechts jedes Mit­glied­staats, die Regeln auf­zu­stel­len, nach denen Ein­rich­tun­gen die erfor­der­li­che Aner­ken­nung gewährt wer­den kann.

Dabei haben die natio­na­len Behör­den im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht und unter der Kon­trol­le der natio­na­len Gerich­te die für die Aner­ken­nung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen. Zu die­sen gehört u.a. die Über­nah­me der Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen zum gro­ßen Teil durch Kran­ken­kas­sen oder durch ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit. Es kommt dabei auch nicht dar­auf an, ob die Kos­ten im kon­kre­ten Fall tat­säch­lich über­nom­men wor­den sind, son­dern es reicht aus, dass sie über­nehm­bar sind [14].

Der natio­na­le Gesetz­ge­ber hat die Aner­ken­nung in den Streit­jah­ren von der Ein­hal­tung der sog. 40 %-Gren­ze abhän­gig gemacht. Der EuGH hat im Rah­men der Prü­fung, ob es Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g und/​oder Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG dem natio­na­len Gesetz­ge­ber erlau­ben, die Steu­er­be­frei­ung der Leis­tun­gen zur ambu­lan­ten Pfle­ge kran­ker und pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­so­nen davon abhän­gig zu machen, dass bei die­sen Ein­rich­tun­gen „im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr die Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens zwei Drit­tel der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind“ [15], in sei­nem Urteil Zim­mer­mann [16] dazu ‑abs­trakt und los­ge­löst von den Gege­ben­hei­ten des dor­ti­gen Streit­falls- aus­ge­führt: „Ent­spre­chend ist das Erfor­der­nis einer wie im Aus­gangs­ver­fah­ren auf zwei Drit­tel der Fäl­le fest­ge­setz­ten Schwel­le für die Zwe­cke der Anwen­dung von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Sechs­ten Richt­li­nie zu beur­tei­len. Durch das Erfor­der­nis einer sol­chen Schwel­le wird näm­lich auf ähn­li­che Wei­se dem Bedürf­nis ent­spro­chen, bei der Anwen­dung die­ser Vor­schrift den sozia­len Cha­rak­ter von Ein­rich­tun­gen anzu­er­ken­nen. Eben­so über­schrei­tet ein Mit­glied­staat das ihm nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Sechs­ten Richt­li­nie zuste­hen­de Ermes­sen grund­sätz­lich nicht dadurch, dass er auch im Zusam­men­hang mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den Bedin­gung ver­langt, dass die Kos­ten für die betref­fen­den Leis­tun­gen der ambu­lan­ten Pfle­ge ganz oder zum über­wie­gen­den Teil von den gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rungs- oder Sozi­al­hil­fe­trä­gern über­nom­men wor­den sein müssen.“

Unter Anle­gung die­ser Maß­stä­be hat Deutsch­land bei der Aus­ge­stal­tung der Aner­ken­nung i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG die Gren­zen des ihm zuste­hen­den Ermes­sens zwar inso­weit nicht beach­tet, als es bezüg­lich der Ein­hal­tung der 40 %-Gren­ze auf das vor­an­ge­gan­ge­ne Kalen­der­jahr abge­stellt hat [17]. Der EuGH hat aber die frü­he­re Zwei-Drit­tel-Gren­ze des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. sowie die dort nor­mier­te Bedin­gung, dass die Kos­ten für die betref­fen­den Leis­tun­gen der ambu­lan­ten Pfle­ge ganz oder zum über­wie­gen­den Teil von den gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rungs- oder Sozi­al­hil­fe­trä­gern über­nom­men wor­den sein müs­sen, gebil­ligt [18]. Dass es dort um einen ande­ren Sach­ver­halt ging, ändert an der recht­li­chen Aus­sa­ge des EuGH nichts.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat des­halb ent­spre­chen­de gesetz­li­che Gren­zen in stän­di­ger Recht­spre­chung nur inso­weit als mit dem Uni­ons­recht unver­ein­bar bean­stan­det, als bei der Prü­fung der Gren­ze auf die Umsät­ze des Vor­jah­res zurück­ge­grif­fen wird, und im Übri­gen unbe­an­stan­det gelas­sen [19].

Die 40 %-Gren­ze des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. erreicht der Klä­ger auch dann nicht, wenn man ent­spre­chend sei­nem Vor­brin­gen jeweils auf die Umsät­ze des lau­fen­den Kalen­der­jah­res ‑und nicht auf die Umsät­ze des jewei­li­gen Vor­jah­res- abstellt.

Ein­wen­dun­gen gegen die­se Beur­tei­lung grei­fen nicht durch.

Der Hin­weis auf den Grund­satz der Effek­ti­vi­tät, der in Rz 22 und Rz 40 f. des EuGH, Urteils Zim­mer­mann [16] zum Aus­druck kom­me, beach­tet nicht, dass der EuGH in Rz 37 die­ses Urteils nicht davon aus­geht, dass die sei­ner­zeit vom EuGH zu beur­tei­len­de (und von ihm nicht bean­stan­de­te) Zwei-Drit­tel-Gren­ze des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. die­ser Steu­er­be­frei­ung grund­sätz­lich ihre Wir­kung nähme.

Die nach­fol­gen­den Aus­füh­run­gen in Rz 40 f. bezie­hen sich ledig­lich auf das Erfor­der­nis, inso­weit „aus­schließ­lich auf das vor­an­ge­gan­ge­ne Kalen­der­jahr abzu­stel­len“ und ver­lan­gen ledig­lich: „Folg­lich ist es erfor­der­li­chen­falls Sache des vor­le­gen­den Gerichts, zu beur­tei­len, ob in den Situa­tio­nen, in denen von Beginn der betref­fen­den Tätig­kei­ten an der ’sozia­le Cha­rak­ter’ im Sin­ne von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Sechs­ten Richt­li­nie nach der in Randnr. 31 des vor­lie­gen­den Urteils dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung anzu­er­ken­nen wäre, die Pflicht, aus­schließ­lich auf das vor­an­ge­gan­ge­ne Kalen­der­jahr abzu­stel­len, zur Fol­ge hat, dass hin­sicht­lich des ers­ten Kalen­der­jahrs die­ser Tätig­kei­ten oder sogar ihrer ers­ten bei­den Kalen­der­jah­re die Aner­ken­nung des ’sozia­len Cha­rak­ters’ des betref­fen­den Leis­tungs­er­brin­gers im Sin­ne die­ser Vor­schrift auto­ma­tisch und zwangs­läu­fig aus­ge­schlos­sen ist.“

Dar­um geht es vor­lie­gend nicht. Die Grün­dung der GmbH erfolg­te im Jahr 2003. Streit­jah­re sind die Jah­re 2005 und 2006.

Eben­so wenig greift der Ein­wand durch, die Leis­tun­gen der unter § 4 Nr. 18 UStG fal­len­den Per­so­nen sei­en unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen steu­er­frei, was gegen den Grund­satz der Neu­tra­li­tät und den Gleich­heits­grund­satz ver­sto­ße. Dies trifft nicht zu. Denn nach der neue­ren Recht­spre­chung des BFH kommt § 4 Nr. 18 UStG nur eine durch den Anwen­dungs­be­reich des § 4 Nr. 16 UStG begrenz­te Wir­kung zu; die Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 16 UStG geht dem § 4 Nr. 18 UStG vor, wenn die betref­fen­den Leis­tun­gen im Fal­le ihrer Aus­füh­rung durch pri­vat­recht­li­che Ein­rich­tun­gen mit Gewinn­stre­ben ihrer Art nach von § 4 Nr. 16 UStG umfasst wer­den könn­ten [20]. Dar­an hält der Bun­des­fi­nanz­hof trotz der vom Klä­ger in der münd­li­chen Ver­hand­lung geäu­ßer­ten Ein­wän­de fest.

Soweit der Klä­ger im Lau­fe des Ver­fah­rens vor dem Finanz­ge­richt gel­tend gemacht hat, dass die Finanz­ver­wal­tung in der Pra­xis sol­che Leis­tun­gen bei Per­so­nen i.S. des § 4 Nr. 18 UStG nicht besteue­re, und auch vor­ge­bracht hat, das Abstands­ge­bot des § 4 Nr. 18 Buchst. c UStG sei nicht ein­ge­hal­ten, hat das Finanz­ge­richt dies nicht festgestellt.

Die nicht vor­han­de­nen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zu die­ser Fra­ge erfor­dern ‑anders als der Klä­ger meint- kei­ne Zurück­ver­wei­sung des Rechts­streits an das Finanz­ge­richt zur wei­te­ren Sach­ver­halts­auf­klä­rung: Denn eine unzu­tref­fen­de (Nicht-)Besteuerung eines Kon­kur­ren­ten kann (nur) mit der Kon­kur­ren­ten­kla­ge gel­tend gemacht wer­den [21]. Die­se ist ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers- nicht unzumutbar.

Gegen eine rück­wir­ken­de Anwen­dung die­ser neue­ren BFH-Recht­spre­chung [22] bestehen kei­ne grund­sätz­li­chen Beden­ken [23].

Die Ansicht, die Aner­ken­nung dür­fe nicht davon abhän­gig gemacht wer­den, dass die Kos­ten „über­wie­gend“ von den gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rungs- oder Sozi­al­hil­fe­trä­gern über­nom­men wor­den sind, wider­spricht Rz 37 des EuGH, Urteils Zim­mer­mann [16].

Aus den Aus­füh­run­gen des spä­te­ren EuGH-Urteils Les Jardins de Jou­vence [24] und der frü­he­ren EuGH-Urtei­le Das­son­vil­le [25], Dor­nier [26] sowie Copy­Ge­ne [27] ergibt sich nichts anderes.

Die Aus­sa­gen in Rz 46 und 47 des Urteils Les Jardins des Jou­vence [24] bezie­hen sich auf die Prü­fung, ob die Dienst­leis­tung eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­den ist, was hier ohne­hin der Fall ist. In Rz 32, 33 und 39 des EuGH-Urteils Les Jardins de Jou­vence [24] hat der EuGH zur Aner­ken­nung einer Ein­rich­tung betont, dass

  • es grund­sätz­lich Sache des inner­staat­li­chen Rechts jedes Mit­glied­staats ist, die Regeln auf­zu­stel­len, nach denen die­sen Ein­rich­tun­gen eine sol­che Aner­ken­nung gewährt wer­den kann, 
  • die Mit­glied­staa­ten die Gewäh­rung der Steu­er­be­frei­ung von der Erfül­lung einer oder meh­re­rer der in Art. 13 Teil A Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG genann­ten Bedin­gun­gen abhän­gig machen dür­fen und die­se fakul­ta­ti­ven Bedin­gun­gen für die Gewäh­rung der betref­fen­den Befrei­ung von den Mit­glied­staa­ten nach frei­em Ermes­sen zusätz­lich vor­ge­se­hen wer­den kön­nen, und
  • der Umstand, dass die Kos­ten der erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen unter Umstän­den zum gro­ßen Teil von Kran­ken­kas­sen oder Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit über­nom­men wer­den, einen der Gesichts­punk­te dar­stellt, die bei der Bestim­mung, ob der betref­fen­den Ein­rich­tung ein sozia­ler Cha­rak­ter zukommt, zu berück­sich­ti­gen sind.

Dass Deutsch­land grund­sätz­lich berech­tigt ist, die Steu­er­be­frei­ung davon abhän­gig zu machen, dass die Kos­ten „über­wie­gend“ von den gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rungs- oder Sozi­al­hil­fe­trä­gern über­nom­men wor­den sind, ergibt sich ‑wie dar­ge­legt- ein­deu­tig aus Rz 37 des EuGH, Urteils Zim­mer­mann [16].

Der­ar­ti­ge „Sozi­al­gren­zen“ sind auch ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers- nicht ver­fas­sungs­wid­rig [28].

Das ergän­zend ange­führ­te Gebot der Fol­ge­rich­tig­keit betrifft zum einen das Ertrag­steu­er­recht [29] und ist über­dies durch die Beschrän­kung der Steu­er­be­frei­ung auf die vom Mit­glied­staat Deutsch­land aner­kann­ten Ein­rich­tun­gen nicht verletzt.

Ob es ange­sichts der vom Klä­ger her­vor­ge­ho­be­nen Teil­fi­nan­zie­rung der Kos­ten der sog. 24-Stun­den-Pfle­ge rechts­po­li­tisch wün­schens­wert erschei­nen könn­te, wei­te­re Per­so­nen in den Kreis der vom Mit­glied­staat aner­kann­ten Ein­rich­tun­gen der ambu­lan­ten Pfle­ge ein­zu­be­zie­hen, hat die Recht­spre­chung nicht zu ent­schei­den [30].

Der Bun­des­fi­nanz­hof weicht mit sei­ner Auf­fas­sung nicht von sei­nem Urteil vom 18.08.2015 [31] ab. Denn im dor­ti­gen Fall wur­den nach Auf­stel­lun­gen des Ver­eins B die Kos­ten der Leis­tun­gen in 2007 zu 96 % und in 2008 zu 82 % von den Pfle­ge­kas­sen getra­gen. Damit war die maß­geb­li­che 40 %-Gren­ze des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. ein­ge­hal­ten. Eben­so ver­hält es sich im Fall des Urteils des Finanz­ge­richts Müns­ter vomm 09.12.2014 [32] und im Fall des Urteils des Finanz­ge­richts Köln vom 11.078.2016 [33].

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs bestehen ange­sichts des EuGH, Urteils Zim­mer­mann [16] kei­ne Zwei­fel i.S. des Art. 267 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on an der Aus­le­gung der im Streit­fall anzu­wen­den­den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen [34].

Das Ver­fah­ren „Finanz­amt Bin­gen-Alzey gegen Boehrin­ger Ingel­heim Phar­ma GmbH & Co. KG“ [35] führt zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung. Vor­lie­gend geht es um die per­so­nel­len Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG a.F. Der Anwen­dungs­be­reich des Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL ist auch uni­ons­recht­lich anhand bestimm­ter per­so­nel­ler Merk­ma­le fest­ge­legt, die der leis­ten­de Unter­neh­mer zur Erlan­gung die­ser Steu­er­be­frei­ung erfül­len muss, was unter­schied­li­che Wett­be­werbs­be­din­gun­gen für ver­schie­de­ne Wirt­schafts­teil­neh­mer impli­ziert [36].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Juni 2017 – XI R 23/​14

  1. BT-Drs. 12/​1368, S. 27, und 12/​1506, S. 178[]
  2. BT-Drs. 12/​5262, S. 172[]
  3. vgl. zur Begren­zungs­wir­kung BFH, Urteil vom 24.01.2008 – V R 54/​06, BFHE 221, 391, BStBl II 2008, 643; BFH, Beschluss vom 02.03.2011 – XI R 47/​07, BFHE 232, 568, BStBl II 2012, 699, Rz 31 ff.[]
  4. BT-Drs. 16/​11108, S. 37, 38 f.[]
  5. BGBl I 2013, 1809[]
  6. BT-Drs. 17/​10000, S. 70, i.V.m. BT-Drs. 17/​12532, S. 89 f.[]
  7. vgl. aus neue­rer Zeit BFH, Urteil vom 07.12 2016 – XI R 5/​15, BFHE 256, 550, BFH/​NV 2017, 863, Rz 29[]
  8. vgl. dazu EuGH, Urtei­le Küg­ler vom 10.09.2002 – C‑141/​00, EU:C:2002:473, UR 2002, 513, Rz 44; Zim­mer­mann vom 15.11.2012 – C‑174/​11, EU:C:2012:716, UR 2013, 35, Rz 24; BFH, Urtei­le vom 22.04.2004 – V R 1/​98, BFHE 205, 514, BStBl II 2004, 849, unter II. 2.a, Rz 36; vom 18.01.2005 – V R 99/​01, BFH/​NV 2005, 1392, Rz 25[]
  9. vgl. EuGH, Urteil Gregg vom 07.09.1999 – C‑216/​97, EU:C:1999:390, UR 1999, 419, Rz 21[]
  10. vgl. dazu EuGH, Urtei­le Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo vom 26.05.2005 – C‑498/​03, EU:C:2005:322, UR 2005, 453, Rz 35 und 40; MDDP vom 28.11.2013 – C‑319/​12, EU:C:2013:778, HFR 2014, 177, Rz 28 und 31[]
  11. vgl. auch BFH, Urteil vom 18.03.2015 – XI R 15/​11, BFHE 249, 359, BStBl II 2015, 1058, Rz 31[]
  12. EU:C:2002:473, UR 2002, 513, Rz 58[]
  13. EU:C:2012:716, UR 2013, 35, Rz 26[]
  14. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 205, 514, BStBl II 2004, 849, unter II. 3.c, Rz 66 f.; vom 18.08.2005 – V R 71/​03, BFHE 211, 543, BStBl II 2006, 143, unter II. 2.d cc (2), Rz 52; in BFHE 221, 391, BStBl II 2008, 643, unter II. 2.a bb, Rz 42; vom 01.12 2010 – XI R 46/​08, BFHE 232, 232, BFH/​NV 2011, 712, Rz 46; vom 08.06.2011 – XI R 22/​09, BFHE 234, 448, BFH/​NV 2011, 1804, Rz 38; vom 08.08.2013 – V R 8/​12, BFHE 242, 548, BFH/​NV 2014, 119, Rz 40; vom 29.07.2015 – XI R 35/​13, BFHE 251, 91, BStBl II 2016, 797, Rz 23; vom 18.02.2016 – V R 46/​14, BFHE 253, 421, BFH/​NV 2016, 1120, Rz 30[]
  15. BFH, Beschluss in BFHE 232, 568, BStBl II 2012, 699, Fra­ge 1[]
  16. EU:C:2012:716, UR 2013, 35[][][][][]
  17. vgl. BFH, Urteil vom 19.03.2013 – XI R 47/​07, BFHE 240, 439, BFH/​NV 2013, 1204, Rz 36 ff.[]
  18. EuGH, Urteil Zim­mer­mann, EU:C:2012:716, UR 2013, 35, Rz 37[]
  19. vgl. neben BFH, Urteil in BFHE 240, 439, BFH/​NV 2013, 1204, Rz 37, auch BFH, Urtei­le vom 18.03.2015 – XI R 8/​13, BFHE 249, 369, BStBl II 2016, 788, Rz 50 ff.; in BFHE 249, 359, BStBl II 2015, 1058, Rz 37 f.; s.a. BFH, Urteil in BFHE 221, 391, BStBl II 2008, 643; eben­so Oel­mai­er in Sölch/​Ringleb, Umsatz­steu­er, § 4 Nr. 16 Rz 31; a.A. Höl­zer in Rau/​Dürrwächter, Umsatz­steu­er­ge­setz, § 4 Nr. 16 Rz 505; Bunjes/​Heidner, UStG, 16. Aufl., § 4 Nr. 16 Rz 24 und 26; Sta­die, UStG, 3. Aufl., § 4 Nr. 16 Rz 13 ff.; wohl auch Weber in Reiß/​Kraeusel/​Langer, UStG § 4 Nr. 16 Rz 66 f.[]
  20. vgl. BFH, Urteil in BFHE 242, 557, BFH/​NV 2014, 123, Leit­sät­ze 1 und 2 sowie Rz 29[]
  21. vgl. BFH, Urteil vom 24.01.2013 – V R 34/​11, BFHE 239, 552, BStBl II 2013, 460, Rz 35; s.a. BFH, Urtei­le vom 05.10.2006 – VII R 24/​03, BFHE 215, 32, BStBl II 2007, 243, unter II. 3.b, Rz 21 f.; vom 18.09.2007 – I R 30/​06, BFHE 219, 184, BStBl II 2009, 126, unter II. 2.d bb und cc, Rz 20 und 21; vom 26.01.2012 – VII R 4/​11, BFHE 236, 481, BStBl II 2012, 541, Rz 17 f.[]
  22. BFH, Urteil in BFHE 242, 557, BFH/​NV 2014, 123[]
  23. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.09.2011 – 2 BvR 2216/​06, 2 BvR 469/​07, NJW 2012, 669, Rz 60 ff.[]
  24. EU:C:2016:36, HFR 2016, 287[][][]
  25. EuGH, Urteil vom 11.07.1974 – C-8/​74, EU:C:1974:82, NJW 1975, 515[]
  26. EuGH, Urteil vom 06.11.2003 – C‑45/​01, EU:C:2003:595, BFH/​NV 2004, Bei­la­ge 1, 40, Rz 75[]
  27. EU:C:2010:328, UR 2010, 526[]
  28. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 31.05.2007 – 1 BvR 1316/​04, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 4, 449, Rz 60 ff., zu § 4 Nr. 16 Buchst. b UStG; s.a. BVerfG, Beschluss vom 29.10.1999 2 BvR 1264/​90, BVerfGE 101, 132, BStBl II 2000, 155, Rz 27, sowie BVerfG-Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 19.06.2008 1 BvR 994/​08, nicht ver­öf­fent­licht[]
  29. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.03.2017 – 2 BvL 6/​11, DStR 2017, 1094, Rz 99 f.[]
  30. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.03.1998 – 1 BvR 2341/​95, UR 1998, 280, Rz 8[]
  31. BFH, Urteil vom 18.08.2015 – V R 13/​14, BFHE 251, 282, BFH/​NV 2015, 1784[]
  32. FG Müns­ter, Urteil vom 09.12 2014 – 15 K 4571/​10 U, EFG 2015, 508, nach­fol­gend BFH, Urteil in BFHE 256, 550, BFH/​NV 2017, 863[]
  33. FG Köln, Urteil vom 11.08.2016 – 13 K 3610/​12, EFG 2016, 2009, Revi­si­on ein­ge­legt, Az. des BFH: – XI R 20/​16[]
  34. vgl. zu den Vor­aus­set­zun­gen: EuGH, Urtei­le CILFIT vom 06.10.1982 – C-283/​81, EU:C:1982:335, NJW 1983, 1257, Rz 21; Inter­mo­dal Trans­ports vom 15.09.2005 – C‑495/​03, EU:C:2005:552, HFR 2005, 1236; Gas­ton Schul Doua­ne-expe­di­teur vom 06.12 2005 – C‑461/​03, EU:C:2005:742, HFR 2006, 416[]
  35. EuGH – C‑462/​16[]
  36. vgl. BFH, Urteil vom 26.11.2014 – XI R 25/​13, BFH/​NV 2015, 531, Rz 49; BFH, Beschluss vom 21.09.2016 – XI R 2/​15, BFH/​NV 2017, 168, Rz 8, m.w.N.[]